Urbane Logistik: Im Kopf umparken

10/30/20

In einer Diskussionsrunde des BVL Themenkreises Logistikimmobilien beklagen Fachleute das unflexible Baurecht und die daraus resultierenden Verzögerungen.

Diskutierten am 13. Oktober in München (v.l.n.r.): Olaf Ley (Unibail-Rodamco-Westfield), Raimund Paetzmann (Zalando), Mario Flamman (Pesch Partner Architekten Stadtplaner) und Francisco J. Bähr (Four Parx). | Bild: BVL Themenkreis Logistikimmobilien

Damit die Bevölkerung in urbanen Räumen auch künftig zuverlässig und nachhaltig mit Waren versorgt werden kann, müssen Handelsunternehmen, Stadtplaner, Entwickler und Behörden im Kopf umparken. So lautete der Tenor eines hybriden Retail-Events des Themenkreises Logistikimmobilien der Bundesvereinigung Logistik (BVL) e. V. am 13. Oktober in München.

Vier Experten aus den Bereichen Handel, Stadtplanung, Shopping-Center-Betrieb und Gewerbeimmobilienentwicklung erläuterten in einer Diskussionsrunde, wie sich der Bereich urbane Logistik entwickeln muss, damit sowohl klimapolitische und städteplanerische Ziele erreicht werden können als auch der Wandel des Handels erfolgreich verläuft.

Logistiknetzwerke kommen an Grenzen

Zwar habe die Corona-Pandemie dem E-Commerce laut dem Bundesverband E-Commerce und Versandhandel im ersten Halbjahr 2020 zu einem Plus von 9,2 Prozent verholfen. Gleichzeitig wären die Netzwerke der Logistikdienstleister im Handelsbereich an ihre Grenzen gekommen und der Ausbau der logistischen Infrastruktur stocke.

„Seit dem Ausbruch der Pandemie ist es noch schwieriger als bisher geworden, in den Behörden Termine für neue Projekte zu bekommen – von Genehmigungen ganz zu schweigen“, so die Kritik von Francisco J. Bähr, Geschäftsführender Gesellschafter des Entwicklers Four Parx.

Geräuscharme Entladung von Transportern im Erdgeschoss einer Immobilie: Der Entwickler Four Parx treibt solche Konzepte voran. | Bild: Four Parx

Die Laufzeiten der Projekte verlängerten sich zum Teil um Monate. Diesen Punkt unterstrich auch Olaf Ley, Director Investment / Asset Management beim Shopping-Center-Betreiber Unibail-Rodamco-Westfield Germany (URW). Alle Beteiligten müssten aufs Tempo drücken – und sich besser vernetzen und kooperieren, so der Vertreter von URW. Das Unternehmen betreibt deutschlandweit 23 Einkaufszentren.

Kooperation zwischen E-Commerce und Filialhandel

Zusammenarbeit zwischen dem stationären Handel und den E-Commerce-Spezialisten ist für Ley auch einer der Schlüssel, wie sich die Handelswelt insgesamt neu aufstellen kann – Stichwort Omnichannel-Strategie. Als Beispiel nannte er das Projekt Connected Retail zwischen URW und Zalando. Dabei gehe es unter anderem darum, dass Geschäfte in Einkaufszentren Waren aus ihren Shops oder lokalen Lagern versenden, die Verbraucher zuvor auf der Online-Fashion-Plattform Zalando bestellten. Referenz Galerie

Dälken

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Ley hält eine Vielzahl von bestehenden Shopping-Centern mit großen Entladezonen für Lkw und Transporter dafür geeignet, um dort Micro-Hubs für die Logistik zu errichten. Die Revitalisierung brachliegender Handels- und Industrieflächen für die Logistik und die Funktionserweiterung bestehender Handelshäuser für die Lagerung von Waren erachtet Mario Flammann, Geschäftsführer bei Pesch Partner Architekten Stadtplaner und Co-Autor der Studie „City-Logistik neu gedacht“ der IHK Stuttgart, auch deshalb für sinnvoll, „weil wir mit dem Flächenverbrauch sorgsam umgehen müssen.“

Urbane Logistik frühzeitig mitdenken

Die Flächen- und Nutzungskonkurrenz im öffentlichen Raum lässt sich seiner Meinung nach nur durch integriert durchdachte Lösungen beseitigen. Unternehmen, Planer und Politiker seien aufgefordert, das breite Themenfeld der urbanen Logistik in Planungsprozessen frühzeitig mitzudenken und innovative Lösungen zu ermöglichen – das gelte besonders für die Entwicklung neuer Stadtquartiere.Weiterführende Inhalte

Four Parx' Projekt für ein Röhrensystem in Hamburg zur nachhaltigeren Stadtlogistik darf starten. (Foto: Four Parx)

Urbane Logistik: Unterirdischer Smart City Loop wird konkret

Citylogistikexperte Bähr plädierte dafür, dass in den Städten mehr Multifunktionsimmobilien errichtet werden. „Denkverbote müssen ein Ende haben. Eine Immobilie mit Logistik im Untergeschoss, Handel im Erdgeschoss, Büros im ersten Stock und Wohnungen in den Stockwerken darüber – das ist absolut sinnvoll. Aber baurechtlich ist so ein Vorhaben noch ein riesiges Problem“, so Bähr.

In die gleiche Richtung argumentierte auch Moderator Raimund Paetzmann, Vice President Corporate Real Estate bei Zalando und Sprecher der Fokusgruppe Retail/E-Commerce im Themenkreis: „Man muss jetzt eine Vorstellung entwickeln, wie die Stadt und der Handel in zehn Jahren aussehen werden, und dann rückwärts planen.“

Dass schon kleine Veränderungen an Neubauten viele Optionen für Logistikdienstleister eröffnen, erläuterte Bauexperte Bähr am Beispiel eines Parkhauses. Würde man das Erdgeschoss statt zwei Meter bereits drei Meter hoch planen, dann könnten dort KEP-Dienstleister mit Transportern nachts hineinfahren und geräuscharm Pakete entladen. Generell legt der Entwickler aus Dreieich Politikern und Behörden nahe, rasch Zeitfenster für die Ver- und Entsorgung der Städte einzuführen – und gleichzeitig über das Thema Kohlendioxidreduzierung ernsthafter als bisher nachzudenken.

„Meiner Meinung nach müssen wir schon in fünf Jahren die City kohlendioxidneutral versorgen“, so Bähr.

Die Diskussionsteilnehmer betonten unisono, dass sich Kommunen zu wenig Gedanken über das Thema urbane Logistik machen – und es selten wagen, neue Wege zu gehen. Eine Lanze brach Bähr für den Hamburger Senat. Diesee interessiere sich für eine Machbarkeitsstudie über die Ver- und Entsorgung der Hansestadt mithilfe eines Fördersystems in einem Tunnel. Die Studie gab Four Parx bei dem Unternehmen Smart City Loop in Auftrag.

540.000 Transporte weniger

Der Senat wurde laut Bähr vor allem deshalb hellhörig, weil mithilfe dieses neuen Versorgungssystems bei einem 24-Stunden/300-Tage-Betrieb 540.000 Transportfahrten pro Jahr ersetzt werden können. Das entspricht Four Parx zufolge umgerechnet Einsparungen von mehr als 10.000 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr.

Handelsexperte Ley riet Logistikern, Investoren und Entwicklern dazu, nicht zu warten, bis in den Städten jeder von einem innovativen Handels- oder Logistikprojekt überzeugt sei:

„Unsere Branche muss mit kreativen Vorschlägen sowie Plänen punkten und sich auch untereinander noch besser vernetzen – so kann man auch Konzepte entwickeln, die mit mehr Unterstützung der Kommunen hoffentlich zügiger genehmigt werden.“